Innovation & AI

AI im Krankenhaus ist kein IT-Projekt

Künstliche Intelligenz wird die Medizin verändern. Entscheidend ist aber nicht, was technisch möglich ist – sondern was klinisch sinnvoll ist. Warum AI im Krankenhaus vor allem eine Führungsaufgabe ist.

Künstliche Intelligenz wird die Medizin verändern. In vielen Bereichen tut sie es bereits.

Die Diskussion darüber wird allerdings häufig von der Technologie aus geführt: Welche Modelle gibt es? Was können sie? Wie leistungsfähig werden sie noch?

Für Krankenhäuser halte ich eine andere Frage für wichtiger:

Welches konkrete Problem wollen wir eigentlich lösen?

Denn zwischen einer beeindruckenden technologischen Möglichkeit und einer Verbesserung der Patientenversorgung liegt ein weiter Weg.

Technologie allein verändert noch keine Versorgung

Ein AI-System kann Informationen strukturieren, Dokumentation unterstützen, Muster erkennen oder Entscheidungen vorbereiten.

Damit ist aber noch nicht beantwortet, wie es in einen klinischen Prozess integriert wird.

Wer nutzt das System?

Zu welchem Zeitpunkt?

Welche Informationen benötigt es?

Wie zuverlässig müssen die Ergebnisse sein?

Was passiert, wenn seine Empfehlung nicht plausibel erscheint?

Und vor allem: Wer trägt die Verantwortung?

Diese Fragen sind nicht primär technischer Natur. Sie betreffen Arbeitsabläufe, Rollen, Kompetenzen und Verantwortung.

Genau deshalb ist AI im Krankenhaus für mich kein klassisches IT-Projekt.

Vom Algorithmus zum klinischen Nutzen

Im Gesundheitswesen sollten wir Technologie nicht danach beurteilen, wie beeindruckend sie ist, sondern danach, welchen Nutzen sie erzeugt.

Entlastet sie Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte von Tätigkeiten, für die ihre fachliche Kompetenz nicht notwendig ist?

Macht sie relevante Informationen schneller verfügbar?

Reduziert sie Fehlerquellen?

Unterstützt sie Entscheidungen?

Oder schafft sie vielleicht sogar wieder mehr Zeit für das, was Medizin im Kern ausmacht: die Beschäftigung mit dem Menschen?

Das sind für mich die interessanten Anwendungsfälle.

Ein technisch hervorragendes System, das einen ohnehin komplizierten Prozess noch komplizierter macht, ist keine Innovation.

Digitalisierung zeigt, worauf es ankommt

Schon bei klassischen Digitalisierungsprojekten wird sichtbar, dass technische Veränderung immer auch organisatorische Veränderung bedeutet.

Die Einführung eines neuen Krankenhausinformationssystems beispielsweise betrifft praktisch alle Berufsgruppen und zahlreiche klinische Abläufe. Prozesse müssen analysiert, angepasst und neu erlernt werden.

Technik ist dabei nur ein Teil der Transformation.

Der andere Teil sind Menschen.

Sie müssen verstehen, warum sich etwas verändert. Sie brauchen Zeit, Unterstützung und die Möglichkeit, Erfahrungen zurückzumelden. Und sie müssen darauf vertrauen können, dass die Veränderung am Ende einen sinnvollen Zweck erfüllt.

Bei AI wird diese Dimension noch wichtiger.

Verantwortung lässt sich nicht automatisieren

Künstliche Intelligenz kann uns wahrscheinlich in immer mehr Situationen unterstützen.

Das bedeutet für mich aber nicht, dass wir medizinische Verantwortung an Algorithmen übertragen.

Gerade weil Systeme leistungsfähiger werden, müssen Verantwortlichkeiten klarer werden.

Wer überprüft Ergebnisse?

Wann darf oder muss von einer Empfehlung abgewichen werden?

Welche Kompetenzen benötigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um Ergebnisse kritisch beurteilen zu können?

Wie verhindern wir, dass aus Unterstützung unbemerkt Abhängigkeit wird?

Die entscheidende Kompetenz der Zukunft wird deshalb nicht nur darin bestehen, AI anwenden zu können.

Wir müssen ihre Ergebnisse auch einordnen können.

Führung muss die richtigen Fragen stellen

Medizinische Führungskräfte müssen dafür keine AI-Entwickler werden.

Aber wir müssen genug verstehen, um die richtigen Fragen stellen zu können.

Welches Problem lösen wir?

Welchen klinischen Nutzen erwarten wir?

Welche Risiken entstehen?

Wie verändert sich der Prozess?

Welche Daten werden benötigt?

Wie messen wir, ob die Einführung tatsächlich erfolgreich war?

Und wer übernimmt Verantwortung?

Diese Fragen gehören aus meiner Sicht nicht an das Ende eines Technologieprojekts.

Sie gehören an seinen Anfang.

Nicht alles Machbare muss gemacht werden

Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung ist beeindruckend. Gerade deshalb sollten wir nicht versuchen, jede neue Möglichkeit sofort in den klinischen Alltag zu übertragen.

Innovation bedeutet für mich nicht, möglichst früh möglichst viel Technologie einzusetzen.

Innovation bedeutet, ein relevantes Problem besser zu lösen.

Manchmal wird AI dafür die richtige Antwort sein.

Manchmal eine klassische Software.

Manchmal ein besser organisierter Prozess.

Und manchmal schlicht ein Gespräch zwischen Menschen, die bisher zu wenig miteinander gesprochen haben.

Die Zukunft der Medizin wird technologischer werden. Die Verantwortung dafür, wie wir diese Technologie einsetzen, bleibt menschlich.

Deshalb ist AI im Krankenhaus für mich keine reine IT-Aufgabe.

Sie ist eine medizinische und eine Führungsaufgabe.

Prim. Dr. Kostja Steiner, MBA

Ärztlicher Direktor · Primararzt · Notarzt · Speaker · Autor

Ich schreibe über medizinische Führung, klinisch sinnvolle Innovation und die Zukunft einer verlässlichen Gesundheitsversorgung.

Im Austausch entstehen neue Perspektiven.

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