Versorgung

Das Krankenhaus endet nicht an seiner Eingangstür

Patientinnen und Patienten erleben keine Sektoren und Zuständigkeiten. Warum Krankenhäuser stärker als Teil eines regionalen Versorgungsnetzwerks gedacht werden müssen.

Ein Krankenhaus ist eine klar definierte Organisation.

Gesundheitsversorgung ist es nicht.

Für Patientinnen und Patienten beginnt ihre Erkrankung nicht bei der Aufnahme und endet nicht mit dem Entlassungsbrief.

Vor dem Krankenhaus stehen Hausärztinnen und Hausärzte, Fachärzte, Rettungsdienste, Pflege und Angehörige.

Danach ebenso.

Wenn wir Versorgung verbessern wollen, reicht es deshalb nicht, nur innerhalb unserer eigenen Organisation besser zu werden.

Das Krankenhaus endet organisatorisch an seiner Eingangstür. Versorgung tut es nicht.

Patienten denken nicht in Zuständigkeiten

Unser Gesundheitssystem ist in Sektoren, Berufsgruppen und Organisationen gegliedert.

Das ist für seine Organisation notwendig.

Für Patienten ist diese Struktur jedoch weitgehend irrelevant.

Sie wollen wissen:

Wo bekomme ich Hilfe?

Wer ist zuständig?

Wie geht es weiter?

Sind meine Informationen dort, wo sie gebraucht werden?

Muss ich meine Geschichte noch einmal erzählen?

Und bekomme ich die richtige Behandlung zur richtigen Zeit?

Wenn eine Schnittstelle nicht funktioniert, erlebt der Patient keine „Schnittstellenproblematik“.

Er erlebt schlechte Versorgung.

Regional denken

Gerade für ein regionales Krankenhaus ist dieser Blick entscheidend.

Nicht jede medizinische Leistung kann und sollte überall angeboten werden.

Spezialisierung ist notwendig.

Gleichzeitig brauchen Menschen wohnortnahe Versorgung für viele häufige und zeitkritische Erkrankungen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Was muss jedes Krankenhaus selbst anbieten?

Sondern:

Wie organisieren wir gemeinsam die bestmögliche Versorgung einer Region?

Damit verändert sich die Perspektive.

Aus einzelnen Einrichtungen wird ein Netzwerk.

Kooperation ist Infrastruktur

Wir denken bei Infrastruktur häufig an Gebäude, Geräte und IT.

Ich würde Kooperation ebenfalls als Infrastruktur betrachten.

Eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen Organisationen schafft Versorgungskapazität.

Das lässt sich ganz konkret beobachten.

Wenn Kliniken Leistungen gemeinsam organisieren, können vorhandene Ressourcen besser genutzt werden. Wenn Rettungsdienst und Krankenhaus gut zusammenarbeiten, werden Übergaben und Notfallversorgung besser. Wenn Informationen zwischen stationärem und niedergelassenem Bereich zuverlässig fließen, können unnötige Wiederholungen vermieden werden.

Kooperation ist damit nicht nur eine Frage guter Beziehungen.

Sie ist Teil der Versorgungsarchitektur.

Schnittstellen brauchen Verantwortung

Das Schwierige an Schnittstellen ist, dass sie häufig zwischen Verantwortungsbereichen liegen.

Innerhalb einer Organisation gibt es klare Führungsstrukturen.

Zwischen Organisationen ist das komplizierter.

Gerade dort müssen deshalb Zuständigkeiten bewusst gestaltet werden.

Wer übermittelt welche Information?

Wer übernimmt wann Verantwortung?

Was passiert, wenn der geplante Weg nicht funktioniert?

Welche Ansprechpartner gibt es?

Solche Fragen wirken operativ.

Ihre Auswirkungen sind strategisch.

Digitalisierung kann Grenzen überwinden

Digitale Systeme bieten die Chance, Informationen besser verfügbar zu machen und organisatorische Grenzen zumindest teilweise zu überwinden.

Aber auch hier gilt:

Ein technischer Anschluss allein schafft noch keine integrierte Versorgung.

Information muss relevant, aktuell und im richtigen Moment verfügbar sein.

Und Menschen müssen wissen, was sie damit tun sollen.

Interoperabilität ist deshalb nicht nur eine technische Herausforderung.

Sie ist eine Voraussetzung für Zusammenarbeit.

Nicht jede Organisation muss alles können

Eine resiliente regionale Versorgung braucht starke Organisationen.

Aber sie braucht ebenso starke Verbindungen zwischen ihnen.

Das bedeutet auch, Kompetenzen bewusst zu teilen.

Manche Leistungen können regional erbracht werden.

Andere gehören in hoch spezialisierte Zentren.

Manche Herausforderungen lassen sich durch Kooperation besser lösen als durch den Aufbau paralleler Strukturen.

Entscheidend ist nicht, ob jede Organisation für sich vollständig ist.

Entscheidend ist, ob das Versorgungssystem als Ganzes vollständig funktioniert.

Vom Krankenhaus zum Versorgungspartner

Ich glaube deshalb, dass sich auch das Selbstverständnis von Krankenhäusern weiterentwickeln wird.

Vom Ort, an dem Patienten behandelt werden, hin zu einem Partner innerhalb eines regionalen Versorgungsnetzwerks.

Das verlangt Offenheit.

Es verlangt Zusammenarbeit.

Und manchmal verlangt es auch, den Erfolg nicht nur daran zu messen, was innerhalb der eigenen Organisation passiert.

Am Ende sollte unsere wichtigste Perspektive ohnehin eine andere sein.

Die des Patienten.

Für ihn gibt es kein Krankenhaus hier, einen Rettungsdienst dort und eine Ordination irgendwo anders.

Für ihn gibt es nur seine Versorgung.

Unsere organisatorischen Grenzen dürfen deshalb nicht zu seinen Versorgungsgrenzen werden.

Das Krankenhaus endet an seiner Eingangstür.

Unsere Verantwortung für funktionierende Versorgung nicht.

Prim. Dr. Kostja Steiner, MBA

Ärztlicher Direktor · Primararzt · Notarzt · Speaker · Autor

Ich schreibe über medizinische Führung, klinisch sinnvolle Innovation und die Zukunft einer verlässlichen Gesundheitsversorgung.

Im Austausch entstehen neue Perspektiven.

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