Versorgung

Ein Krankenhaus ist mehr als die Summe seiner Fälle

Rund 500 Krankenhäuser sollen sich in Deutschland in einer wirtschaftlich vergleichbar schwierigen Lage befinden. Ein Artikel der deutschen Bild vom 22.08.2026 beschreibt unter anderem das St.-Josef-Krankenhaus in Prüm, ein kleines Haus der regionalen Grundversorgung. Nur rund 5.000 stationäre Patientinnen und Patienten werden dort pro Jahr behandelt. Gleichzeitig müssen Personal, Infrastruktur und medizinische Kompetenz rund um die Uhr verfügbar sein. Genau darin liegt ein grundlegendes Problem.

Ein aktueller Bericht aus Deutschland hat mich nachdenklich gemacht.

Rund 500 Krankenhäuser sollen sich dort in einer wirtschaftlich vergleichbar schwierigen Lage befinden. Ein Artikel der deutschen Bild vom 22.08.2026 beschreibt unter anderem das St.-Josef-Krankenhaus in Prüm, ein kleines Haus der regionalen Grundversorgung. Rund 5.000 stationäre Patientinnen und Patienten werden dort pro Jahr behandelt. Gleichzeitig müssen Personal, Infrastruktur und medizinische Kompetenz rund um die Uhr verfügbar sein.

Genau darin liegt ein grundlegendes Problem.

Denn die Bedeutung eines Krankenhauses lässt sich nicht ausschließlich daran messen, wie viele Fälle es behandelt.

Vorhaltung ist keine Ineffizienz

Gesundheitssysteme versuchen verständlicherweise, ihre Ressourcen möglichst effizient einzusetzen. Auch Krankenhäuser müssen wirtschaftlich arbeiten.

Aber ein Krankenhaus ist kein Produktionsbetrieb.

Ein OP-Team, eine Notaufnahme, eine Intensivstation oder eine diagnostische Infrastruktur werden nicht erst dann benötigt, wenn genügend Fälle vorhanden sind, um sie wirtschaftlich auszulasten. Bestimmte Strukturen müssen vorhanden sein, bevor sie gebraucht werden.

Das ist Vorhaltung.

Und Vorhaltung kostet Geld – auch dann, wenn gerade niemand behandelt wird.

Besonders deutlich wird das in ländlichen Regionen. Ein Krankenhaus mit geringerem Einzugsgebiet wird bestimmte Fallzahlen eines großen Zentrums niemals erreichen. Trotzdem kann seine medizinische Bedeutung für die Region erheblich sein.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Lohnt sich dieses Krankenhaus?

Sondern:

Welche Versorgung muss für die Menschen einer Region verlässlich verfügbar sein – und welche Struktur brauchen wir dafür?

Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Österreich hat nicht zu wenige Krankenhausbetten

Der Blick nach Deutschland lässt sich allerdings nicht einfach auf Österreich übertragen.

Österreich verfügt im internationalen Vergleich über sehr viele Krankenhauskapazitäten. Mit rund 6,6 Betten pro 1.000 Einwohner liegen wir deutlich über dem OECD-Durchschnitt.

Gleichzeitig gehört unser Gesundheitssystem zu den kostenintensiveren Systemen.

Die Schlussfolgerung kann daher nicht sein, jede bestehende stationäre Struktur unverändert zu erhalten.

Im Gegenteil.

Österreich versucht seit Jahren, Leistungen aus dem stationären Bereich in ambulante und tagesklinische Strukturen zu verlagern. Die aktuelle Zielsteuerung Gesundheit formuliert diesen Weg sehr deutlich:

digital vor ambulant vor stationär.

Das halte ich grundsätzlich für richtig.

Ein Mensch sollte nicht stationär aufgenommen werden, wenn seine Behandlung genauso sicher ambulant erfolgen kann. Ein Krankenhausbett ist eine hoch spezialisierte und teure Ressource. Wir sollten es dort einsetzen, wo es tatsächlich gebraucht wird.

Aber genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Herausforderung.

Ein Bett abzubauen ist einfach. Versorgung umzubauen nicht.

Strukturreform wird häufig in Bettenzahlen, Standorten und Abteilungen diskutiert.

Das greift zu kurz.

Wenn stationäre Kapazität reduziert wird, verschwindet der medizinische Bedarf der Bevölkerung dadurch nicht automatisch.

Er verlagert sich.

Dann braucht es funktionierende hausärztliche Versorgung, Primärversorgungseinheiten, Fachärztinnen und Fachärzte, ambulante Diagnostik, mobile Pflege, Therapieangebote, Rettungsdienste, Telemedizin und – nicht zuletzt – Menschen, die Patientinnen und Patienten durch dieses System begleiten.

Fehlen diese Strukturen, entsteht keine effizientere Versorgung.

Es entsteht eine Versorgungslücke.

Oder der Patient landet am Ende doch wieder dort, wo rund um die Uhr eine Tür offensteht: in der Notaufnahme eines Krankenhauses.

Krankenhäuser lassen sich nicht isoliert betrachten

Ein Satz aus dem deutschen Bericht erscheint mir deshalb besonders wichtig.

Sinngemäß heißt es dort: Krankenhäuser sind Teil eines engmaschigen Netzes. Fällt ein Baustein ungeplant weg, steigt der Druck auf die umliegenden Einrichtungen.

Das ist aus meiner Sicht der Kern der Diskussion.

Versorgungsplanung darf nicht an der Grundstücksgrenze eines Krankenhauses enden.

Wenn eine Abteilung geschlossen oder ein Leistungsangebot verlagert wird, muss vorher geklärt sein, wer diese Patientinnen und Patienten künftig versorgt.

Wie weit ist der nächste geeignete Standort entfernt?

Welche Auswirkungen entstehen für Rettungs- und Notarztdienste?

Hat das aufnehmende Krankenhaus tatsächlich personelle und räumliche Kapazitäten?

Kann ein Teil der Versorgung ambulant übernommen werden?

Und funktioniert diese ambulante Struktur auch am Abend, am Wochenende und für ältere oder multimorbide Menschen?

Wie sozial und wirtschaftlich verträglich ist es, wenn die Großmutter auch im Standardfall Fall im 60 km entfernten Zentrumsspittal versorgt wird und von Angehörigen kaum besucht werden kann?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, kann man beurteilen, ob eine Struktur tatsächlich verzichtbar ist.

Ich bin überzeugt: Sinnvolle Schwerpunktbildung kann Qualität und Auslastung verbessern

Dabei möchte ich nicht missverstanden werden.

Nicht jedes Krankenhaus muss alles anbieten.

Medizin wird spezialisierter. Für komplexe Eingriffe und seltene Erkrankungen gibt es gute Gründe, Expertise zu bündeln. Höhere Fallzahlen können Erfahrung, Prozessqualität und Behandlungsergebnisse verbessern.

Es wäre daher falsch, Regionalität mit vollständiger medizinischer Autarkie gleichzusetzen.

Ein regionales Krankenhaus muss nicht jede hoch spezialisierte Leistung selbst erbringen.

Aber es muss Teil eines funktionierenden Netzwerkes sein.

Das bedeutet für mich:

so regional wie sinnvoll, so zentral wie notwendig und mit sinnvoller Schwerpunktsetzung.

Die Kunst der Versorgungsplanung besteht darin, diese Grenze medizinisch und nicht ausschließlich wirtschaftlich zu ziehen.

Die eigentliche knappe Ressource sind Menschen

Auch die Diskussion über Bettenzahlen führt manchmal in die falsche Richtung.

Ein Bett behandelt niemanden.

Entscheidend sind die Menschen, die rund um dieses Bett arbeiten: Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, Radiologietechnologinnen und -technologen, Biomedizinische Analytikerinnen und Analytiker und viele weitere Berufsgruppen.

Die OECD weist selbst darauf hin, dass während der Pandemie vielerorts nicht die Zahl der Betten, sondern das verfügbare Personal der entscheidende Engpass war.

Das wird angesichts der demografischen Entwicklung noch wichtiger.

Wir werden daher nicht jede heute bestehende Struktur allein dadurch erhalten können, dass wir mehr Geld hineinlegen. Wir müssen unsere begrenzten personellen Ressourcen intelligenter einsetzen.

Auch deshalb brauchen wir neue Versorgungsmodelle.

Vom Krankenhausplan zum Versorgungsplan

Vielleicht müssen wir deshalb grundsätzlich anders denken.

Nicht:

Wie viele Krankenhäuser brauchen wir?

Nicht:

Wie viele Betten können wir abbauen?

Und auch nicht:

Welche Abteilung rechnet sich?

Sondern:

Wie organisieren wir für jede Region eine verlässliche medizinische Versorgung – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr?

Das Krankenhaus ist darin ein wesentlicher Baustein.

Aber eben nur einer.

Primärversorgung, niedergelassene Fachmedizin, Pflege, Rettungsdienst, Rehabilitation, digitale Angebote und Krankenhäuser müssen viel stärker als gemeinsames Versorgungssystem und Gesundheitsdrehscheibe verstanden werden.

Patientinnen und Patienten erleben schließlich keine Finanzierungstöpfe, Zuständigkeiten oder Sektorengrenzen.

Sie erleben nur, ob Versorgung funktioniert.

Strukturwandel braucht ein Zielbild

Der Bericht aus Deutschland zeigt für mich deshalb weniger, dass Krankenhäuser um jeden Preis erhalten werden müssen.

Er zeigt etwas anderes:

Ungeplanter Strukturabbau ist noch keine Gesundheitsreform.

Wenn wirtschaftlicher Druck darüber entscheidet, welche Versorgung verschwindet, bevor geklärt wurde, wie sie ersetzt wird, entsteht keine bessere Struktur. Es entsteht Zufall.

Österreich hat die Chance, diesen Wandel geordnet zu gestalten.

Dazu müssen wir bereit sein, stationäre Strukturen dort zu verändern, wo Medizin heute anders und besser erbracht werden kann.

Gleichzeitig müssen wir bereit sein, regionale Vorhaltung dort zu finanzieren, wo sie für Versorgungssicherheit notwendig ist – auch wenn sie sich nach klassischer betriebswirtschaftlicher Logik nicht vollständig „rechnet“.

Denn am Ende sollte nicht die Frage entscheidend sein, ob sich ein Krankenhaus lohnt.

Sondern ob unser Versorgungssystem funktioniert.

Und zwar dann, wenn man es tatsächlich braucht.

Prim. Dr. Kostja Steiner, MBA

Ärztlicher Direktor · Primararzt · Notarzt · Speaker · Autor

Ich schreibe über medizinische Führung, klinisch sinnvolle Innovation und die Zukunft einer verlässlichen Gesundheitsversorgung.

Im Austausch entstehen neue Perspektiven.

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