Innovation & AI

Innovation beginnt mit dem Problem – nicht mit der Technologie

Digitalisierung und AI schaffen enorme Möglichkeiten. Wirklicher Fortschritt beginnt jedoch nicht mit einer Technologie, sondern mit einem Problem, das es wert ist, gelöst zu werden.

Digitalisierung. Automatisierung. Künstliche Intelligenz.

Im Gesundheitswesen gibt es derzeit keinen Mangel an Technologien, die versprechen, unsere Arbeit zu verändern.

Das ist grundsätzlich positiv.

Problematisch wird es, wenn wir die Reihenfolge verwechseln.

Wenn wir zuerst eine Technologie auswählen und anschließend überlegen, wo wir sie einsetzen könnten.

Ich halte den umgekehrten Weg für sinnvoller.

Am Anfang guter Innovation steht keine Lösung. Am Anfang steht ein relevantes Problem.

Was wollen wir verbessern?

Im klinischen Alltag gibt es genügend Probleme.

Informationen müssen mehrfach erfasst werden.

Mitarbeiter verbringen Zeit mit administrativen Tätigkeiten.

Patienten warten auf Abläufe, die besser koordiniert werden könnten.

Informationen stehen nicht immer dort zur Verfügung, wo sie benötigt werden.

Schnittstellen erzeugen Reibungsverluste.

Manche dieser Probleme lassen sich mit Technologie lösen.

Andere nicht.

Der erste Schritt sollte deshalb immer sein, das Problem genau zu verstehen.

Wer erlebt es?

Wann tritt es auf?

Warum entsteht es?

Welche Folgen hat es?

Und woran würden wir erkennen, dass es gelöst ist?

Erst danach sollten wir über Technologie sprechen.

Der klinische Alltag ist der Realitätstest

Eine Lösung kann in einer Präsentation hervorragend aussehen und im klinischen Alltag trotzdem scheitern.

Krankenhäuser sind keine Labore mit kontrollierten Bedingungen.

Sie sind komplexe Systeme.

Viele Berufsgruppen arbeiten parallel. Prioritäten verändern sich. Notfälle unterbrechen geplante Abläufe. Informationen entstehen an unterschiedlichen Stellen.

Eine Innovation muss in dieser Realität funktionieren.

Deshalb müssen diejenigen, die später mit einer neuen Lösung arbeiten sollen, früh einbezogen werden.

Nicht erst bei der Schulung kurz vor Einführung.

Sondern bei der Definition des Problems.

Digitalisierung ist Organisationsentwicklung

Die Einführung neuer digitaler Systeme macht das besonders sichtbar.

Wenn ein Krankenhausinformationssystem verändert wird, verändert sich nicht nur die Benutzeroberfläche eines Computers.

Dokumentationswege verändern sich.

Informationen werden anders weitergegeben.

Rollen können sich verschieben.

Bestehende Prozesse werden plötzlich sichtbar – einschließlich ihrer Schwächen.

Das kann anstrengend sein.

Es ist aber auch eine Chance.

Digitalisierung zwingt uns manchmal, die Frage zu stellen:

Warum machen wir diesen Prozess eigentlich so?

Die Antwort „weil wir es immer so gemacht haben“ sollte dabei nicht genügen.

Erfolg muss messbar sein

Innovation braucht ein Ziel.

Wenn wir eine neue Technologie einführen, sollten wir vorher wissen, woran wir ihren Erfolg erkennen wollen.

Weniger Dokumentationsaufwand?

Kürzere Durchlaufzeiten?

Weniger Fehler?

Schnellere Informationsverfügbarkeit?

Mehr Patientensicherheit?

Mehr Zeit für medizinische Tätigkeit?

Ohne solche Ziele besteht die Gefahr, Aktivität mit Fortschritt zu verwechseln.

Eine erfolgreich installierte Software ist noch keine erfolgreiche Innovation.

Manchmal ist die beste Innovation erstaunlich unspektakulär

Der Begriff Innovation lässt uns häufig an neue Technologie denken.

Dabei können Veränderungen mit großer Wirkung sehr einfach sein.

Ein anderer Ablauf.

Eine klarere Zuständigkeit.

Eine bessere Übergabe.

Eine Kooperation zwischen Organisationen.

Eine Information, die früher verfügbar ist.

Entscheidend ist nicht der Neuigkeitswert einer Lösung.

Entscheidend ist ihre Wirkung.

Das halte ich gerade im Gesundheitswesen für wichtig, weil Ressourcen begrenzt sind.

Wir sollten unsere Energie nicht darauf verwenden, möglichst innovativ auszusehen.

Wir sollten relevante Probleme lösen.

Technologie bleibt trotzdem entscheidend

All das ist kein Argument gegen Digitalisierung oder AI.

Im Gegenteil.

Die Möglichkeiten sind enorm.

Gerade deshalb sollten wir sie gezielt einsetzen.

Wenn wir klinische Probleme sauber verstehen und dann die passende Technologie einsetzen, kann Digitalisierung einen großen Unterschied machen.

Sie kann Mitarbeiter entlasten.

Informationen verbinden.

Fehler reduzieren.

Entscheidungen unterstützen.

Und Versorgung sicherer machen.

Technologie ist dafür ein Werkzeug.

Ein sehr leistungsfähiges Werkzeug.

Aber das Werkzeug definiert nicht das Ziel.

Gute Innovation beginnt deshalb nicht mit der Frage: Was kann diese Technologie?

Sie beginnt mit der Frage:

Welches Problem unserer Patientinnen, Patienten oder Mitarbeiter wollen wir besser lösen?

Erst danach kommt die Technologie.

Prim. Dr. Kostja Steiner, MBA

Ärztlicher Direktor · Primararzt · Notarzt · Speaker · Autor

Ich schreibe über medizinische Führung, klinisch sinnvolle Innovation und die Zukunft einer verlässlichen Gesundheitsversorgung.

Im Austausch entstehen neue Perspektiven.

Ins Gespräch kommen →