Führung

Medizin braucht Führung

Hervorragende Einzelpersonen allein ergeben noch keine hervorragende Organisation. Warum medizinische Qualität Rahmenbedingungen braucht, die Verantwortung ermöglichen.

Krankenhäuser verfügen über etwas Außergewöhnliches: eine enorme Dichte an hoch qualifizierten Menschen.

Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Therapeutinnen und Therapeuten und viele weitere Berufsgruppen treffen täglich Entscheidungen, die große Kompetenz und Verantwortung verlangen.

Trotzdem entsteht aus hervorragenden Einzelpersonen nicht automatisch eine hervorragende Organisation.

Dafür braucht es etwas Zusätzliches.

Medizin braucht Führung.

Fachliche Kompetenz allein reicht nicht

In der Medizin ist fachliche Expertise zu Recht von zentraler Bedeutung.

Wer Verantwortung übernimmt, muss sein Fach verstehen.

Führung stellt jedoch zusätzliche Anforderungen.

Eine Abteilung braucht Prioritäten.

Teams brauchen Orientierung.

Konflikte müssen bearbeitet werden.

Ressourcen sind begrenzt.

Veränderungen müssen erklärt und umgesetzt werden.

Und Entscheidungen müssen manchmal getroffen werden, obwohl noch nicht alle Informationen verfügbar sind.

Die Qualität einer Organisation hängt deshalb nicht nur davon ab, wie gut ihre einzelnen Mitglieder sind.

Sie hängt auch davon ab, wie gut sie gemeinsam handeln können.

Führung bedeutet nicht Kontrolle

Führung wird manchmal mit Hierarchie verwechselt.

Für mich ist das zu wenig.

Natürlich braucht ein Krankenhaus klare Verantwortlichkeiten. Aber in einer komplexen Organisation kann eine Führungskraft unmöglich jede Entscheidung selbst treffen.

Das sollte sie auch nicht.

Die eigentliche Aufgabe besteht darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen andere Menschen gute Entscheidungen treffen können.

Dafür braucht es Klarheit.

Was wollen wir erreichen?

Welche Prinzipien gelten?

Wer trägt welche Verantwortung?

Wo besteht Entscheidungsspielraum?

Und wann braucht es Unterstützung?

Gute Führung reduziert nicht Verantwortung.

Sie ermöglicht Verantwortung.

Vertrauen und Standards sind kein Gegensatz

Gerade in der Medizin brauchen wir Standards.

Patientinnen und Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass Qualität nicht davon abhängt, wer gerade Dienst hat.

Standardisierung und Vertrauen stehen dabei für mich nicht im Widerspruch.

Im Gegenteil.

Klare Prozesse schaffen Sicherheit dort, wo Dinge vorhersehbar sind. Dadurch entsteht Raum für professionelle Entscheidungen dort, wo Situationen eben nicht vorhersehbar sind.

Die Kunst liegt darin, beides miteinander zu verbinden.

Nicht jede Situation lässt sich in eine Checkliste übersetzen.

Aber nicht jede Situation muss jeden Tag neu erfunden werden.

Kultur entscheidet, was tatsächlich passiert

Organisationen können Werte formulieren und Leitbilder schreiben.

Entscheidend ist aber, was Menschen im Alltag erleben.

Kann ich ein Problem ansprechen?

Darf ich eine Entscheidung hinterfragen?

Kann ich einen Fehler melden, ohne zuerst überlegen zu müssen, wer dafür verantwortlich gemacht wird?

Bekomme ich Unterstützung, wenn eine Situation schwierig wird?

Wird gute Arbeit wahrgenommen?

Diese Erfahrungen prägen Kultur stärker als jedes Poster an einer Wand.

Für Führung bedeutet das eine besondere Verantwortung.

Denn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beobachten sehr genau, welches Verhalten tatsächlich erwünscht ist.

Führung zeigt sich besonders in Veränderung

Das Gesundheitswesen wird sich verändern müssen.

Demografie, Personalverfügbarkeit, medizinischer Fortschritt, Digitalisierung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen lassen uns wenig Wahl.

Veränderung lässt sich jedoch nicht einfach anordnen.

Menschen wollen verstehen, warum etwas verändert wird.

Sie wollen wissen, was das für ihre Arbeit bedeutet.

Und sie brauchen die Möglichkeit, ihr Wissen aus dem Alltag einzubringen.

Gerade in Krankenhäusern ist das entscheidend. Viele Prozesse sind so komplex, dass nachhaltige Veränderungen kaum gegen die Erfahrung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umgesetzt werden können.

Führung bedeutet deshalb auch, zuzuhören.

Nicht, um jede Entscheidung zum Konsens zu machen.

Sondern um bessere Entscheidungen treffen zu können.

Medizinische Qualität braucht gute Arbeitsbedingungen

Wir diskutieren häufig darüber, wie wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen gewinnen und halten können.

Natürlich spielen Bezahlung und Arbeitszeit dabei eine Rolle.

Aber Menschen wollen auch erleben, dass ihre Arbeit sinnvoll organisiert ist.

Sie wollen mit Kolleginnen und Kollegen arbeiten, auf die sie sich verlassen können.

Sie wollen Entwicklungsmöglichkeiten.

Und sie wollen ernst genommen werden.

Eine positive Arbeitskultur ist deshalb kein „weiches“ Thema neben der medizinischen Leistung.

Sie beeinflusst unmittelbar, ob eine Organisation langfristig leistungsfähig bleibt.

Führung ist kein Selbstzweck

Am Ende geht es im Krankenhaus nicht um Führung.

Es geht um Patientinnen und Patienten.

Führung ist dann gut, wenn sie für sie einen Unterschied macht – auch wenn sie davon vielleicht niemals direkt etwas bemerken.

Wenn Informationen funktionieren.

Wenn Teams gut zusammenarbeiten.

Wenn qualifizierte Mitarbeiter bleiben.

Wenn Entscheidungen getroffen werden.

Wenn Qualität auch unter Belastung stabil bleibt.

Dann hat Führung ihren Zweck erfüllt.

Gute Führung organisiert nicht Medizin von oben.

Sie schafft die Bedingungen, unter denen Menschen gemeinsam gute Medizin leisten können.

Prim. Dr. Kostja Steiner, MBA

Ärztlicher Direktor · Primararzt · Notarzt · Speaker · Autor

Ich schreibe über medizinische Führung, klinisch sinnvolle Innovation und die Zukunft einer verlässlichen Gesundheitsversorgung.

Im Austausch entstehen neue Perspektiven.

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