Versorgung

Versorgungssicherheit beginnt vor dem Notfall

Resilienz zeigt sich in der Krise. Entstehen muss sie lange davor. Warum Versorgungssicherheit bei Menschen, Strukturen und Zusammenarbeit beginnt.

Als Notfallmediziner beschäftigt man sich naturgemäß mit Situationen, in denen wenig Zeit bleibt.

Ein Patient ist kritisch krank. Eine Entscheidung muss getroffen werden. Menschen, Material und Informationen müssen im richtigen Moment verfügbar sein.

In solchen Situationen zeigt sich, ob ein System funktioniert.

Entstanden ist seine Funktionsfähigkeit aber lange vorher.

Resilienz zeigt sich in der Krise. Aufgebaut wird sie im Alltag.

Der sichtbare Notfall hat eine unsichtbare Vorgeschichte

Gute Notfallversorgung beginnt nicht mit dem Eintreffen des Notarztes.

Sie beginnt bei Ausbildung und Training, bei Dienstplänen und Standards, bei Kommunikation und Material, bei Schnittstellen und einer klaren Aufgabenverteilung.

Das Gleiche gilt für ein Krankenhaus.

Wenn eine Organisation plötzlich stark belastet wird, kann sie nicht innerhalb weniger Stunden Vertrauen, Kompetenzen oder funktionierende Prozesse entwickeln.

Sie kann nur auf das zurückgreifen, was vorher aufgebaut wurde.

Versorgungssicherheit ist deshalb für mich weit mehr als Katastrophenplanung.

Sie ist eine Eigenschaft des gesamten Systems.

Menschen schaffen Resilienz

Wir sprechen bei Versorgungssicherheit häufig über Betten, Geräte und Infrastruktur.

All das ist notwendig.

Aber ein Krankenhausbett behandelt keinen Patienten.

Menschen tun es.

Die vielleicht wichtigste Ressource eines Gesundheitssystems sind deshalb Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die fachlich kompetent sind, Verantwortung übernehmen und miteinander arbeiten können.

Das macht Personalentwicklung zu einem wesentlichen Bestandteil von Versorgungssicherheit.

Ausbildung, gute Arbeitsbedingungen und Führung sind nicht nur Personalthemen.

Sie sind Versorgungsfragen.

Zusammenarbeit kann man nicht erst in der Krise beginnen

Meine Arbeit in Klinik und Notfallmedizin zeigt mir immer wieder, wie wichtig Schnittstellen sind.

Rettungsdienst und Krankenhaus müssen einander verstehen.

Berufsgruppen innerhalb des Krankenhauses müssen miteinander arbeiten.

Regionale Partner müssen wissen, was sie voneinander erwarten können.

Solche Beziehungen entstehen nicht durch ein Organigramm.

Sie entstehen durch Zusammenarbeit.

Der Notarztdienst Rohrbach ist beispielsweise seit seiner Gründung eine Kooperation zwischen Krankenhaus und Rotem Kreuz. Unterschiedliche Organisationen übernehmen gemeinsam Verantwortung für eine Versorgungsaufgabe.

Genau diese Logik brauchen wir aus meiner Sicht an vielen Stellen im Gesundheitswesen.

Nicht jede Struktur muss alles können

Versorgungssicherheit wird manchmal mit vollständiger Autonomie verwechselt.

Ich halte das für den falschen Ansatz.

Nicht jedes Krankenhaus und nicht jede Organisation muss jede Leistung selbst anbieten können.

Entscheidend ist vielmehr, dass für Patientinnen und Patienten das Gesamtsystem funktioniert.

Das setzt voraus, dass Kompetenzen sinnvoll verteilt werden und Kooperation verlässlich funktioniert.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit zwischen dem Klinikum Rohrbach und dem Kepler Universitätsklinikum bei HNO-Operationen von Kindern. Durch die Kooperation können zusätzliche Kinder versorgt und bestehende Kapazitäten besser genutzt werden.

Das ist für mich ein wichtiger Gedanke:

Versorgung wird nicht automatisch sicherer, wenn jede Organisation mehr alleine macht. Sie kann sicherer werden, wenn Organisationen besser zusammenarbeiten.

Führung muss über Organisationsgrenzen hinausdenken

Damit verändert sich auch die Aufgabe von Führung.

Wenn wir nur unsere eigene Abteilung, unser eigenes Krankenhaus oder unsere eigene Organisation optimieren, können wir lokal erfolgreich sein und gleichzeitig das Gesamtsystem verschlechtern.

Gesundheitsversorgung braucht deshalb eine Perspektive, die Schnittstellen mitdenkt.

Was passiert vor einer Aufnahme?

Was passiert nach der Entlassung?

Welche Leistungen können regional erbracht werden?

Wo braucht es spezialisierte Zentren?

Wie funktionieren Transport und Kommunikation?

Wo entstehen unnötige Doppelstrukturen – und wo gefährliche Lücken?

Diese Fragen lassen sich nicht aus einer einzigen Organisation heraus beantworten.

Resilienz ist Alltag

Versorgungssicherheit entsteht nicht erst dann, wenn etwas Außergewöhnliches passiert.

Sie entsteht an einem gewöhnlichen Dienstag.

Wenn Teams ausreichend besetzt sind.

Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut ausgebildet sind.

Wenn Informationen dort verfügbar sind, wo sie gebraucht werden.

Wenn Schnittstellen funktionieren.

Wenn Probleme offen angesprochen werden können.

Und wenn Organisationen gelernt haben, gemeinsam zu handeln.

Notfallpläne bleiben notwendig.

Aber der beste Plan kann fehlendes Vertrauen, mangelnde Kompetenz oder schlecht funktionierende Zusammenarbeit nur begrenzt kompensieren.

Versorgungssicherheit beginnt deshalb lange vor dem Notfall.

Sie beginnt mit den Entscheidungen, die wir jeden Tag über Menschen, Strukturen und Zusammenarbeit treffen.

Und genau deshalb ist sie für mich eine zentrale Führungsaufgabe.

Prim. Dr. Kostja Steiner, MBA

Ärztlicher Direktor · Primararzt · Notarzt · Speaker · Autor

Ich schreibe über medizinische Führung, klinisch sinnvolle Innovation und die Zukunft einer verlässlichen Gesundheitsversorgung.

Im Austausch entstehen neue Perspektiven.

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