KI
KI im Krankenhaus: Vor lauter Vorsicht verpassen wir die Zukunft
Europa reguliert KI, während viele Krankenhäuser mit veralteter Software kämpfen. Warum Datenschutz wichtig ist, aber auch versäumte Innovation Patienten schaden kann.
Europa reguliert künstliche Intelligenz, die WHO fordert ihren verantwortungsvollen Einsatz. Doch während wir über Datenschutz, Haftung und Risiken diskutieren, bleibt die Digitalisierung vieler Krankenhäuser weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.
Am 29. Oktober 2026 haben die 53 Mitgliedstaaten der WHO-Region Europa eine gemeinsame KI-Roadmap für das Gesundheitswesen beschlossen. Sie fordert klare Verantwortung, sichere Dateninfrastruktur und vor allem eines: KI muss einen nachweisbaren Nutzen für die Versorgung bringen.
Das ist richtig und wichtig. Aber mir fehlt in der europäischen Diskussion zunehmend eine zweite Perspektive:
Wer übernimmt eigentlich die Verantwortung für jene Chancen, die wir aus Angst vor Fehlern nicht nutzen?
Hochregulierte Zukunft, veraltete Gegenwart
Wer die Digitalisierung im Krankenhaus betrachtet, erkennt einen bemerkenswerten Widerspruch.
Wir diskutieren über künstliche Intelligenz, während viele Krankenhausinformationssysteme noch immer mit umständlichen Eingabemasken, Medienbrüchen und unzureichend verbundenen Anwendungen den klinischen Alltag erschweren.
Was privat längst selbstverständlich ist, bleibt im Krankenhaus häufig kompliziert. Informationen müssen mehrfach eingegeben, Befunde mühsam gesucht und Arbeitsabläufe an die Software angepasst werden – statt umgekehrt.
Gleichzeitig wird KI von Softwareanbietern als Revolution angekündigt. Im klinischen Alltag bleibt davon vielerorts wenig übrig. Zwischen beeindruckender Produktpräsentation und tatsächlich funktionierender Anwendung liegen oft Welten.
Wir reden über die Medizin von morgen, während uns die IT von gestern beschäftigt.
Datenschutz darf kein Innovationsverbot werden
Datenschutz, Patientensicherheit und der europäische AI Act haben ihre Berechtigung. Medizinische Daten sind besonders sensibel. Fehlerhafte Algorithmen können Menschen schaden.
Aber Sicherheit entsteht nicht allein durch Regulierung. Sie entsteht auch durch gute Systeme, qualifizierte Mitarbeiter und kontrollierte Anwendung.
Wenn Datenschutz zum pauschalen Argument gegen neue Lösungen wird, verfehlt er seinen Zweck. Und wenn die Angst vor rechtlichen Konsequenzen jede Innovation ausbremst, entstehen andere Risiken: vermeidbarer Dokumentationsaufwand, Informationsverluste und fehlende Entscheidungsunterstützung.
Auch Nicht-Anwendung hat Konsequenzen. Nur werden diese selten gemessen.
Dabei geht es nicht darum, den AI Act oder Datenschutzbestimmungen aufzuweichen. Es geht darum, ihre Anforderungen so umzusetzen, dass sichere Innovation möglich wird.
Nicht jede KI braucht eine Revolution
Die größten kurzfristigen Chancen liegen möglicherweise gar nicht in der automatisierten Diagnosestellung.
Sie liegen in der Entlastung des klinischen Alltags: intelligentere Dokumentation, bessere Informationssuche, strukturierte Zusammenfassungen umfangreicher Krankengeschichten oder Unterstützung bei administrativen Abläufen.
Dafür braucht es keine unkontrollierten Experimente am Patienten. Es braucht klar abgegrenzte Anwendungen, geeignete technische Voraussetzungen und eine konsequente Überprüfung ihres Nutzens.
Für österreichische Krankenhausträger ergeben sich daraus drei konkrete Aufgaben:
Bestehende KIS-Systeme modernisieren: Offene Schnittstellen, bessere Bedienbarkeit und durchgängige Arbeitsabläufe müssen Vorrang vor zusätzlichen Insellösungen haben.
KI kontrolliert in die Praxis bringen: Wenige, klar definierte Anwendungen auswählen, mit klinischen Teams erproben und an Zeitgewinn, Qualität und Sicherheit messen.
Verantwortung eindeutig regeln: Medizin, IT, Datenschutz und Management müssen gemeinsam entscheiden können – einschließlich der Befugnis, eine Anwendung bei Problemen zu stoppen.
Verantwortung bedeutet auch, Chancen zu nutzen
Die neue WHO-Roadmap setzt einen wichtigen Impuls. Entscheidend wird aber sein, was davon tatsächlich auf den Stationen, in den Ambulanzen und in den klinischen Entscheidungsprozessen ankommt.
Österreich braucht nicht noch mehr KI-Ankündigungen. Wir brauchen Krankenhaussoftware, die funktioniert, und Strukturen und rechtliche Rahmenbedingungen die sinnvolle Innovation ermöglicht.
Die entscheidende Frage ist nicht nur, wie wir Patienten vor den Risiken künstlicher Intelligenz schützen. Sondern auch, wie wir verhindern, dass ihnen ihr möglicher Nutzen dauerhaft vorenthalten bleibt.
Datenschutz ist notwendig. Patientensicherheit ist unverhandelbar. Aber Stillstand ist keine Sicherheitsstrategie.
Prim. Dr. Kostja Steiner, MBA
Ärztlicher Direktor · Primararzt · Notarzt · Speaker · Autor
Ich schreibe über medizinische Führung, klinisch sinnvolle Innovation und die Zukunft einer verlässlichen Gesundheitsversorgung.
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