Versorgung

Wenn das Spital selbst zum Risikopatienten wird

Versorgungssicherheit wird meist an Personal, Betten und Wartezeiten gemessen. Doch was nützen Behandlungskapazitäten, wenn Gebäude überhitzen, Technik ausfällt und Beschäftigte gerade dann an ihre Grenzen geraten, wenn besonders viele Menschen Hilfe benötigen?

Wer über die Zukunft der Gesundheitsversorgung spricht, landet rasch bei bekannten Engpässen: fehlende Pflegekräfte, unbesetzte Kassenstellen, überfüllte Ambulanzen und gesperrte Betten. Der Hitzesommer 2026 hat eine weitere Schwachstelle sichtbar gemacht: Auch die Infrastruktur, auf der medizinische Versorgung beruht, ist nicht selbstverständlich belastbar.

Krankenhäuser, Pflegeheime und Primärversorgungseinheiten benötigen zuverlässig Strom und Wasser, kontrollierbare Raumtemperaturen, funktionierende IT, sichere Medikamentenlager und erreichbare Verkehrswege. Hitze, Starkregen, Hochwasser und Lieferunterbrechungen können diese Voraussetzungen gefährden. Die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) fordert deshalb, neben Personal und Organisation auch Standorte, Gebäude, Energie- und Wasserversorgung, Abwasserentsorgung sowie Lieferketten auf ihre Klimarobustheit zu prüfen.¹

Versorgungssicherheit bedeutet folglich mehr, als genügend Personal und Betten bereitzuhalten. Sie bedeutet, medizinische Leistungen auch unter veränderten Umweltbedingungen sicher erbringen zu können.

93 Prozent im Hitzestress

Wie konkret das Risiko bereits ist, zeigt die Ende August 2026 veröffentlichte GÖG-Analyse „Hitze als Gefahr für Gesundheitseinrichtungen in Österreich“. Untersucht wurde die Hitzeexposition von 1.239 Standorten: 251 Krankenanstalten, 856 Senioren- und Pflegeeinrichtungen sowie 132 Primärversorgungseinheiten.²

In der Klimaperiode von 1961 bis 1990 war keine der untersuchten Einrichtungen durchschnittlich 20 oder mehr Hitzetagen pro Jahr ausgesetzt. Zwischen 1991 und 2020 traf diese Belastung bereits jede fünfte Einrichtung. Bei den Primärversorgungseinheiten lag der Anteil bei 36 Prozent, bei Krankenanstalten bei 22 Prozent und bei Senioren- und Pflegeeinrichtungen bei 17 Prozent.²

Der Sommer 2026 verschärfte das Bild dramatisch: Bis einschließlich 26. August hatten 1.153 der untersuchten Einrichtungen – 93 Prozent – bereits mindestens 20 Tage mit Höchsttemperaturen von 30 Grad oder mehr erlebt. Rund drei Viertel kamen auf mindestens 30, etwa die Hälfte auf mehr als 40 Hitzetage.²

Die Zahlen beschreiben zunächst die Außentemperatur am jeweiligen Standort. Sie sagen noch nicht, wie warm es in einem konkreten Patientenzimmer, Labor oder Technikraum wurde und wie gut das einzelne Gebäude geschützt ist. Die Analyse ist daher keine abschließende Bewertung der Einrichtungen. Sie zeigt vielmehr, wo detaillierte Risikoanalysen besonders dringend sind.

Mehr Bedarf, weniger Leistungsfähigkeit

Hitze trifft das Gesundheitswesen von zwei Seiten. Sie erhöht den Unterstützungsbedarf in der Bevölkerung und kann zugleich die Fähigkeit des Systems schwächen, diesen Bedarf zu decken.

Ältere und pflegebedürftige Menschen, chronisch Kranke, Säuglinge und Personen, die bestimmte Medikamente einnehmen, reagieren besonders empfindlich auf hohe Temperaturen. Die möglichen Folgen reichen von Dehydrierung und Hitzekollaps bis zur Verschlechterung bestehender Erkrankungen. Der 2026 erschienene GÖG-Bericht „Klimawandel und Gesundheit in Österreich: Daten, Fakten, Trends“ behandelt neben Hitze unter anderem UV-Strahlung, Extremwetterereignisse, Luftschadstoffe, vektorübertragene und allergische Erkrankungen sowie psychosoziale Belastungen.³

Auch die Arbeitsbedingungen verändern sich. Der GÖG-Grundlagenbericht „Klimawandel und Gesundheit am Arbeitsplatz“ nennt akute Gesundheitsbeeinträchtigungen, ein erhöhtes Unfallrisiko, langfristige Erkrankungen und Produktivitätsverluste als mögliche Folgen klimabedingter Belastungen.⁴ Eine Befragung von 416 Beschäftigten in Gesundheitsberufen zeigte zudem, dass viele Befragte bereits Auswirkungen des Klimawandels am Arbeitsplatz wahrnahmen, besonders psychische Stressreaktionen und gesundheitliche Probleme durch Hitze.⁵

Hinzu kommen betriebliche Risiken: Arzneimittel und Lebensmittel benötigen gesicherte Kühlketten; medizinische Geräte, Server und Kühlsysteme sind auf geeignete Temperaturen und eine stabile Stromversorgung angewiesen. Der Nationale Hitzeschutzplan vom Mai 2026 empfiehlt Gesundheitseinrichtungen deshalb unter anderem eigene Hitzeschutzpläne, die Überwachung der Raumtemperaturen, gekennzeichnete kühle Räume, gesicherte Kühlketten und eine angepasste Personalplanung.⁶

Eine aktuelle österreichische Krankenhausstudie unterstreicht die Dimension, erfordert aber eine genaue Quellenangabe. Die erste Preprint-Fassung vom Dezember 2025 kam für 14 Tage mit Höchsttemperaturen über 30 Grad auf 1,1 Prozent mehr stationäre Aufnahmen und eine um 17,3 Prozent erhöhte Sterblichkeit im Krankenhaus.⁷

Im August 2026 veröffentlichten die Autor eine revidierte zweite Fassung. Darin werden für dieselbe Exposition 4,6 Prozent weniger Aufnahmen und eine um 22,3 Prozent erhöhte Sterblichkeit ausgewiesen. Zugleich steigen die Aufnahmen bei einzelnen Diagnosegruppen, darunter bakterielle und vektorübertragene Infektionen sowie endokrine und metabolische Erkrankungen.⁸ Das Complexity Science Hub stellte diese revidierten Ergebnisse am 3. September 2026 öffentlich vor.⁹

Die Abweichung ist erheblich und zeigt, weshalb bei noch nicht begutachteten Preprints die verwendete Version genannt werden muss. Belastbar ist vorerst vor allem die gemeinsame Richtung beider Fassungen: Anhaltende Hitze geht mit einer deutlich erhöhten Sterblichkeit im Krankenhaus einher, während die Auswirkungen auf die Zahl der Aufnahmen wesentlich schwächer und je nach Auswertung sowie Diagnosegruppe unterschiedlich ausfallen. Da die Untersuchung noch nicht regulär peer-reviewt ist, sollten ihre Detailwerte als vorläufig gelten.

Ein Bett in einem überhitzten Zimmer ist nicht dieselbe Versorgungskapazität wie ein Bett unter sicheren Bedingungen. Und ein laut Dienstplan besetzter Arbeitsplatz ist nicht voll leistungsfähig, wenn die Umweltbedingungen konzentriertes und sicheres Arbeiten erschweren.

Der blinde Fleck der Gesundheitsplanung

Der 2026 veröffentlichte Bericht „Perspektiven zur Gesundheitsversorgung 2040“, erstellt von GÖG, BDO und EPIG im Auftrag des Gesundheitsministeriums, zeigt, wie groß der Reformdruck bereits unabhängig von Klimarisiken ist. Würde Österreich das gegenwärtige Versorgungssystem weitgehend unverändert fortführen, wären bis 2040 laut Modell rund 14 Prozent mehr Ärzt in Krankenanstalten, 14 Prozent mehr Allgemeinmediziner, acht Prozent mehr Fachärzt und 18 Prozent mehr Akutbetten erforderlich. Die öffentlichen Gesundheitsausgaben würden von 7,34 auf 8,81 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen.¹⁰

Die vorgeschlagene Antwort lautet im Kern: Patient sollen rascher an den medizinisch geeigneten Ort gelangen. Primärversorgung, telefonische Gesundheitsberatung, ambulante Fachversorgung und spezialisierte Krankenhäuser sollen enger zusammenarbeiten. Das soll Spitalsambulanzen entlasten und knappe Personalressourcen gezielter einsetzen.¹⁰

Die Hitzeanalyse legt jedoch nahe, die vier Bewertungskriterien der Versorgungsstudie – Zugänglichkeit, Qualität, Personal und Finanzierbarkeit – um eine weitere Dimension zu ergänzen: die physische Klimaresilienz.

Die Konzentration spezialisierter Leistungen kann effizient sein. Sie vergrößert aber die Folgen, wenn ein zentraler Standort durch Hochwasser, Stromausfall oder Überhitzung beeinträchtigt wird. Digitale Versorgung kann Wege vermeiden, schafft jedoch zusätzliche Abhängigkeiten von Strom, Telekommunikation und gekühlter Technik. Große Primärversorgungseinheiten können Leistungen bündeln, benötigen in urbanen Hitzeinseln aber entsprechend robuste Gebäude.

Effizienz und Resilienz sind nicht dasselbe. Ein bis an die Grenze optimiertes System kann im Normalbetrieb leistungsfähig und im Krisenfall besonders verwundbar sein.

Klimaanlagen sind keine Strategie

In sensiblen Bereichen wird aktive Kühlung unverzichtbar sein. Als alleinige Antwort greift sie jedoch zu kurz.

Versorgungssicherheit verlangt eine Kombination aus baulichen, technischen und organisatorischen Maßnahmen. Dazu gehören Verschattung, Dämmung, Nachtlüftung, helle Oberflächen, Bäume und entsiegelte Flächen ebenso wie effiziente Kühlsysteme. Photovoltaik, Speicher und belastbare Notstromkonzepte können Abhängigkeiten reduzieren. Darüber hinaus müssen Wasser- und Abwasserversorgung, Medikamentenlager, Serverräume, Lieferketten und Zufahrtswege geprüft werden.¹ ¹¹

Auch die Weltgesundheitsorganisation definiert Gesundheitspersonal, Wasser und Hygiene, Energie sowie Infrastruktur, Technologien und Produkte als zentrale Voraussetzungen für sichere und klimaresiliente Gesundheitseinrichtungen.¹¹ Sie empfiehlt, Klimaanpassung und ökologische Nachhaltigkeit gemeinsam zu planen.

Der österreichische GÖG-Zielkatalog überträgt diesen systemischen Ansatz auf zehn Dimensionen: von Governance, Gesundheitsberufen und Risikobewertung über Frühwarnsysteme und Infrastruktur bis zum Katastrophenmanagement und zur Finanzierung.¹² Klimaresilienz ist keine einzelne bauliche Maßnahme, sondern eine Eigenschaft des gesamten Versorgungssystems.

Vom Umweltprojekt zur Pflichtaufgabe

Klimaresilienz darf kein Zusatzprojekt einzelner engagierter Häuser bleiben. Sie muss Bestandteil der regulären Gesundheitsplanung werden – bei Neubauten, Sanierungen und Investitionen ebenso wie im Österreichischen Strukturplan Gesundheit und in den regionalen Strukturplänen. Der GÖG-Zielkatalog sieht ausdrücklich vor, Erkenntnisse über Klima- und Gesundheitsrisiken in diese Planungsinstrumente einfließen zu lassen.¹²

Für jede Einrichtung braucht es eine standortbezogene Risiko- und Vulnerabilitätsanalyse: Welche Gefahren sind zu erwarten? Welche Leistungen müssen auch unter Extrembedingungen aufrechterhalten werden? Wie lange funktionieren Strom, Wasser, Kühlung, Kommunikation und Logistik autonom? Welche Ausweichmöglichkeiten bestehen? Entsprechende Bewertungen gehören sowohl zum österreichischen Zielkatalog als auch zum operativen Rahmen der WHO für klimaresiliente Gesundheitssysteme.¹² ¹³

Der Nationale Hitzeschutzplan vom Mai 2026 empfiehlt individuelle Hitzeschutzpläne für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen. Er nennt Infrastrukturmaßnahmen, angepasste Personaleinsatzpläne, definierte Zuständigkeiten und eine laufende Evaluierung als Bestandteile der ganzjährigen Vorbereitung.⁶ Der entscheidende Schritt besteht darin, solche Empfehlungen in überprüfbare Standards, verlässliche Finanzierung und konkrete Verantwortlichkeiten zu übersetzen.

Dabei müssen Klimaschutz und Anpassung zusammengedacht werden. Eine Maßnahme, die kurzfristig kühlt, aber Energieverbrauch und Emissionen dauerhaft stark erhöht, kann neue Abhängigkeiten schaffen. Gute Lösungen machen Einrichtungen robuster und verringern zugleich ihre Umweltbelastung. Dieses Doppelziel steht auch im Zentrum des WHO-Rahmens für klimaresiliente und emissionsarme Gesundheitssysteme.¹³

Ein freies Bett genügt nicht

Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob österreichische Gesundheitseinrichtungen häufiger extremer Hitze ausgesetzt sein werden. Sie lautet, welche Leistungen sie unter diesen Bedingungen noch sicher erbringen können.

Ein resilientes Gesundheitssystem verfügt nicht bloß über nominelle Kapazitäten. Es hält seine Kernfunktionen auch dann aufrecht, wenn mehrere Belastungen gleichzeitig auftreten: mehr hitzebedingte Erkrankungen, erschöpftes Personal, überhitzte Gebäude, hoher Strombedarf und gestörte Lieferketten.

Versorgungssicherheit beginnt deshalb lange vor dem freien Bett. Sie beginnt beim Standort eines Gebäudes, bei seiner Fassade und Energieversorgung, bei der Temperatur im Medikamentenlager und bei der Frage, ob Beschäftigte ihre Arbeit sicher ausüben können.

Personal und Betten bleiben unverzichtbar. Aber sie helfen nur, wenn auch das System rundherum durchhält.


Quellen

  1. Andrea E. Schmidt und Sophia Spagl: Klimaresilienz des Gesundheitswesens. Grundlagenbericht, Gesundheit Österreich, Wien 2024.

  2. Felix Durstmüller, Christina Lampl und Katharina Brugger: Hitze als Gefahr für Gesundheitseinrichtungen in Österreich. Eine empirische Analyse der Exposition, Gesundheit Österreich, August 2026. Zahlen und Methodik in der GÖG-Veröffentlichung Hohe Hitzebelastung: Jede fünfte Gesundheitseinrichtung betroffen vom 30. August 2026.

  3. Katharina Brugger, Felix Durstmüller, Jennifer Delcour und Andrea E. Schmidt: Klimawandel und Gesundheit in Österreich: Daten, Fakten, Trends, Gesundheit Österreich, Wien 2026.

  4. Felix Durstmüller, Christina Lampl, Katharina Brugger und Andrea E. Schmidt: Klimawandel und Gesundheit am Arbeitsplatz, Gesundheit Österreich, Wien 2026.

  5. Katharina Brugger, Katharina Dinhof, Andrea E. Schmidt, Ernest Aigner und Martin Fischer: Gesundes Arbeiten trotz Klimawandel. Befragung zu Klimawandel und Gesundheit unter Gesundheitsberufen, Gesundheit Österreich, Wien 2024.

  6. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Nationaler Hitzeschutzplan Österreich, Stand 11. Mai 2026.

  7. Katharina Ledebur, Katharina Brugger, Andrea Schmidt und weitere: Hospital Evidence on the Health Impacts of Cumulative Heat, Version 1, medRxiv, veröffentlicht am 12. Dezember 2025. Nicht begutachteter Preprint.

  8. Katharina Ledebur, Katharina Brugger, Andrea Schmidt und weitere: Hospital Evidence on the Health Impacts of Cumulative Heat, Version 2, medRxiv, veröffentlicht am 10. August 2026. Revidierter, nicht begutachteter Preprint.

  9. Complexity Science Hub: Heat Waves and Hospitals: Fewer Admissions, but More Deaths, 3. September 2026.

  10. Gesundheit Österreich, BDO und EPIG: Perspektiven zur Gesundheitsversorgung 2040 – Szenarien für ein leistungsfähiges, nachhaltiges und solidarisches Gesundheitssystem, Wien 2026. Ergänzend: Zusammenfassung der GÖG.

  11. World Health Organization: WHO guidance for climate-resilient and environmentally sustainable health care facilities, Genf 2020.

  12. Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Klimaresilienz des Gesundheitssystems: Zielkatalog, erarbeitet von der Gesundheit Österreich GmbH, Wien 2024.

  13. World Health Organization: Operational framework for building climate-resilient and low-carbon health systems, Genf 2023.

Prim. Dr. Kostja Steiner, MBA

Ärztlicher Direktor · Primararzt · Notarzt · Speaker · Autor

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