Versorgung
Gesundheitsversorgung ohne Grenzen: Was Schärding und Passau über regionale Versorgungssicherheit zeigt | Dr. Kostja Steiner
Die grenzüberschreitende Kooperation zwischen dem Klinikum Schärding (Österreich) und der Kinderklinik Dritter Orden Passau (Deutschland) in der Neugeborenenversorgung sorgt elegant Versorgungssicherheit in einer ganzen Region.
Seit August 2026 kommen Kinderärztinnen und Kinderärzte aus Passau an drei Tagen pro Woche ins Klinikum Schärding (Oberösterreich), um dort Neugeborene zu untersuchen. Auch bei unerwarteten Komplikationen kann das Team in Schärding unmittelbar telemedizinisch Rücksprache mit der Kinderklinik Dritter Orden Passau halten. Wenn notwendig, kommt ein spezialisiertes Team aus dem nur 17 Kilometer entfernten Passau nach Schärding.
Auf den ersten Blick ist das eine regionale Kooperation zweier Krankenhäuser. Bei genauerem Hinsehen berührt sie jedoch eine grundsätzliche Frage der Gesundheitsversorgung: Muss ein Krankenhaus jede notwendige medizinische Kompetenz selbst vorhalten – oder müssen wir Versorgung zunehmend als verlässliches Netzwerk organisieren?
Gerade für Österreich ist diese Frage relevant. Denn Versorgung orientiert sich bei uns noch stark an historisch gewachsenen Zuständigkeiten, Trägerstrukturen und geografischen Grenzen. Für Patientinnen und Patienten sind diese Grenzen jedoch zweitrangig. Entscheidend ist, ob medizinische Expertise dann verfügbar ist, wenn sie gebraucht wird.
Wenn die Staatsgrenze medizinisch an Bedeutung verliert
Das Beispiel Schärding ist dafür besonders anschaulich. Die Kinderklinik Dritter Orden Passau liegt nur 17 Kilometer entfernt. Für eine Familie im Bezirk Schärding ist Passau damit nicht abstrakt „Ausland“, sondern ein nahe gelegenes spezialisiertes Versorgungszentrum.
Die neue Kooperation setzt genau dort an. Die Neugeborenen-Basisuntersuchung U2 wird zwischen dem zweiten und zehnten Lebenstag durchgeführt und umfasst in Schärding auch Ultraschalluntersuchungen von Nieren und Hüften. Dafür kommen die Passauer Kinderärztinnen und Kinderärzte regelmäßig direkt nach Schärding. Zusätzlich besteht für unerwartete Komplikationen die Möglichkeit der telemedizinischen Rücksprache; bei Bedarf kann ein spezialisiertes Team aus Passau nach Schärding kommen. Kinder aus dem Bezirk, die eine stationäre pädiatrische Behandlung benötigen, werden bereits bisher oft in Passau versorgt.
Damit werden drei Ebenen miteinander verbunden: Expertise vor Ort, digitale fachärztliche Unterstützung und die Möglichkeit einer spezialisierten Versorgung im Zentrum.
Genau diese Kombination macht das Beispiel über die konkrete Neugeborenenversorgung hinaus interessant.
Nicht jedes Krankenhaus muss alles können - intelligente Netwerke könnten in viel mehr Fällen die Lösung sein.
Die Diskussion über regionale Krankenhausstandorte wird häufig auf eine vermeintlich einfache Alternative reduziert: Eine Leistung bleibt an einem Standort erhalten – oder sie wird zentralisiert.
In der Realität gibt es mehr Möglichkeiten.
Medizinische Kompetenz kann über Netzwerke organisiert werden. Spezialistinnen und Spezialisten können regelmäßig an regionalen Standorten tätig sein. Telemedizin kann eine unmittelbare fachliche Rücksprache ermöglichen. Definierte Behandlungspfade können festlegen, welche Patientinnen und Patienten vor Ort versorgt werden und wann eine Verlegung in ein spezialisiertes Zentrum sinnvoll ist.
Das bedeutet nicht, dass jede medizinische Leistung auf diese Weise organisiert werden kann. Und es bedeutet schon gar nicht, dass Kooperation fehlende Ressourcen beliebig ersetzen könnte.
Aber es verändert die Fragestellung.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr: Welche Leistung muss jedes Krankenhaus selbst anbieten?
Sondern: Welche medizinische Kompetenz muss für die Menschen einer Region verlässlich verfügbar sein – und wie organisieren wir diese Verfügbarkeit am sinnvollsten?
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Gute Versorgung braucht medizinisches Management
Solche Kooperationen entstehen nicht allein dadurch, dass zwei Krankenhäuser geografisch nahe beieinanderliegen. Unterschiedliche Organisationen, Berufsgruppen, Zuständigkeiten und in diesem Fall sogar zwei nationale Gesundheitssysteme müssen so zusammengeführt werden, dass daraus im klinischen Alltag ein verlässlicher Versorgungspfad entsteht.
Hier zeigt sich eine Aufgabe ärztlicher Führung, die im öffentlichen Diskurs über Krankenhausmanagement häufig unterschätzt wird.
Prim. Dr. Thomas Meindl trägt als Ärztlicher Direktor des Klinikums Schärding Verantwortung für die medizinische Führung des Hauses. Die Zusammenarbeit mit der Kinderklinik Passau ist dabei keine völlig neue Entwicklung. Bereits 2023 bezeichnete Meindl die Kooperation mit der Kinderklinik als langjährig und gut funktionierend. Anlass war damals ein neues Kindernotfall-Einsatzfahrzeug der Passauer Klinik, das auch die Versorgung von Neugeborenen aus Schärding verbessern sollte.
Die heute sichtbare Zusammenarbeit steht damit nicht isoliert da. Sie baut auf einer bereits etablierten grenzüberschreitenden Versorgungsbeziehung auf.
Gerade darin liegt eine wichtige Managementleistung: Versorgung nicht erst dann neu zu organisieren, wenn eine Lücke entstanden ist, sondern bestehende Beziehungen so weiterzuentwickeln, dass medizinische Qualität und Versorgungssicherheit erhalten bleiben.
Ärztliche Führung bedeutet in solchen Situationen mehr als die Leitung medizinischer Bereiche innerhalb eines Krankenhauses. Sie bedeutet auch, unterschiedliche Interessen zu koordinieren, tragfähige Kooperationen zu ermöglichen und medizinische Qualität über die Grenzen der eigenen Organisation hinaus zu denken.
Dass eine solche Weiterentwicklung nach außen unspektakulär und selbstverständlich wirken kann, ist ein Zeichen souveräner Führung. Für Patientinnen und Patienten sollte gute Organisation möglichst wenig sichtbar sein. Sie sollten vor allem erleben, dass Versorgung funktioniert.
Wohnortnähe und Spezialisierung sind nicht zwangsläufig Gegensätze
Moderne Medizin wird spezialisierter. Gleichzeitig besteht gerade außerhalb großer Zentren der berechtigte Anspruch auf eine möglichst wohnortnahe Versorgung.
Beide Ziele können miteinander in Konflikt geraten.
Eine mögliche Antwort darauf sind klinische Netzwerke, in denen regionale Krankenhäuser und spezialisierte Zentren nicht als konkurrierende Strukturen gedacht werden, sondern unterschiedliche Aufgaben innerhalb eines gemeinsamen Versorgungsraums übernehmen.
Das Beispiel Schärding zeigt eine mögliche Ausprägung: Die Geburt und die Betreuung bleiben wohnortnah. Pädiatrische Expertise kommt regelmäßig zum Patienten. Bei akutem Bedarf steht zusätzlich telemedizinische Unterstützung zur Verfügung. Und wenn eine stationäre spezialisierte Behandlung notwendig wird, besteht der Zugang zum entsprechenden Zentrum.
Versorgungsqualität hängt damit nicht allein davon ab, welche Fachabteilungen sich physisch hinter den Mauern eines einzelnen Krankenhauses befinden. Entscheidend ist auch, auf welche Expertise ein Standort verlässlich und zeitgerecht zugreifen kann.
Versorgung muss sich an Patientenwegen orientieren!
Für Österreich ist dieser Gedanke besonders interessant.
Unser Gesundheitssystem ist von zahlreichen Grenzen geprägt: zwischen Bund und Ländern, zwischen unterschiedlichen Trägern, zwischen stationärer und niedergelassener Versorgung und nicht zuletzt zwischen nationalen Gesundheitssystemen.
Viele dieser Grenzen haben rechtliche, organisatorische oder finanzielle Gründe. Medizinische Versorgung folgt jedoch einer anderen Logik.
Patientinnen und Patienten benötigen keine Zuständigkeit. Sie benötigen einen funktionierenden Versorgungspfad.
Gerade in Grenzregionen wird dieser Unterschied sichtbar. Wenn spezialisierte medizinische Kompetenz wenige Kilometer entfernt verfügbar ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, welchen Stellenwert eine Staatsgrenze für die konkrete Versorgungsplanung haben sollte.
Das bedeutet nicht, bestehende Strukturen oder Verantwortlichkeiten zu ignorieren. Im Gegenteil: Grenzüberschreitende Modelle funktionieren dauerhaft nur dann, wenn Zuständigkeiten, Finanzierung, Haftung, Qualitätsstandards, Kommunikation und Behandlungspfade verlässlich geregelt sind.
Aber die organisatorische Komplexität sollte nicht verhindern, die medizinisch sinnvollste Lösung überhaupt zu prüfen.
Kooperation ist kein Ersatz für Versorgungsplanung
Bei aller Attraktivität solcher Modelle ist auch Vorsicht notwendig.
Eine einzelne erfolgreiche Kooperation beweist noch nicht, dass sich das Prinzip beliebig auf andere Fachgebiete oder Regionen übertragen lässt. Die Voraussetzungen unterscheiden sich erheblich.
Eine Zusammenarbeit muss auch dann funktionieren, wenn Personal auf beiden Seiten knapp ist. Verantwortlichkeiten müssen eindeutig sein. Notfallwege müssen belastbar definiert werden. Die Qualität darf nicht von einzelnen Personen oder informellen Absprachen abhängen. Und ein regionaler Standort darf durch Kooperation nicht in eine fragile Abhängigkeit geraten, bei der der Ausfall eines Partners unmittelbar die Versorgung gefährdet.
Genau deshalb darf man solche Modelle nicht romantisieren.
Ein belastbares Netzwerk ist mehr als gute Zusammenarbeit zwischen engagierten Menschen. Es braucht Strukturen, Standards und klare Verantwortung.
Die entscheidende Kennzahl ist am Ende nicht die Zahl der Kooperationen, sondern ihre Wirkung: Verbessern sie tatsächlich Qualität, Erreichbarkeit und Versorgungssicherheit für Patientinnen und Patienten?
Führung bedeutet, über die eigene Organisation hinauszudenken
Darin liegt vielleicht die wichtigste Führungsfrage dieses Beispiels.
Krankenhäuser wurden lange stark als einzelne Institutionen gedacht: mit eigenen Abteilungen, eigenem Personal, eigenen Ressourcen und klar definierten Zuständigkeiten.
In einem Gesundheitssystem mit zunehmender Spezialisierung und begrenzten personellen Ressourcen stößt dieses Denken an Grenzen.
Ärztliche Führung muss deshalb zunehmend die Versorgung einer Region betrachten – nicht ausschließlich die Leistungsfähigkeit der eigenen Organisation.
Das kann bedeuten, Expertise zu teilen. Es kann bedeuten, Patientinnen und Patienten bewusst an einen anderen Standort weiterzuleiten. Und es kann bedeuten, eine Leistung gemeinsam mit einem Partner zu organisieren, statt sie parallel aufzubauen.
Die Rolle einer ärztlichen Direktion besteht dabei auch darin, medizinische Notwendigkeit, organisatorische Realität und langfristige Versorgungssicherheit miteinander zu verbinden. Das Beispiel Schärding zeigt, wie wichtig eine solche koordinierende Funktion gerade dann wird, wenn Versorgung über Organisations- und Staatsgrenzen hinweg gedacht werden soll.
Gute Führung zeigt sich dabei nicht nur in spektakulären Entscheidungen. Häufig zeigt sie sich darin, dass Übergänge funktionieren, Verantwortlichkeiten geklärt sind und für Patientinnen und Patienten aus organisatorischer Komplexität keine Versorgungslücke entsteht.
Die Region als eigentliche Einheit der Versorgung
Vielleicht liegt genau darin die interessanteste Botschaft aus Schärding.
Das Klinikum befindet sich in Österreich, die spezialisierte Kinderklinik in Deutschland. Medizinisch liegen zwischen beiden Einrichtungen 17 Kilometer.
Für die Versorgung sollte diese zweite Information mindestens ebenso wichtig sein wie die erste.
Versorgungssicherheit bedeutet nicht, jede medizinische Leistung an jedem Krankenhaus selbst vorzuhalten. Sie bedeutet, dafür zu sorgen, dass Patientinnen und Patienten verlässlich die richtige medizinische Kompetenz erreichen – unabhängig davon, hinter welcher organisatorischen oder geografischen Grenze sie sich befindet.
Das Beispiel Schärding und Passau ist deshalb mehr als eine interessante Kooperation in der Neugeborenenversorgung.
Es zeigt zugleich, was medizinische Führung leisten kann: vorhandene Strukturen nicht nur zu verwalten, sondern Kooperationen so weiterzuentwickeln, dass aus begrenzten Ressourcen ein verlässlicher Versorgungsweg entsteht.
Und es wirft eine Frage auf, die wir auch an anderen Stellen unseres Gesundheitssystems stellen sollten:
Planen wir Gesundheitsversorgung noch zu sehr entlang bestehender Institutionen und Grenzen – und zu wenig entlang der tatsächlichen Versorgungsräume unserer Patientinnen und Patienten?
Quellen
Prim. Dr. Kostja Steiner, MBA
Ärztlicher Direktor · Primararzt · Notarzt · Speaker · Autor
Ich schreibe über medizinische Führung, klinisch sinnvolle Innovation und die Zukunft einer verlässlichen Gesundheitsversorgung.
WEITERLESEN
Weitere Perspektiven.
Weitere Gedanken zu Führung, Innovation und Versorgung.
Versorgung
Ein Krankenhaus ist mehr als die Summe seiner Fälle
Rund 500 Krankenhäuser sollen sich in Deutschland in einer wirtschaftlich vergleichbar schwierigen Lage befinden. Ein Artikel der deutschen Bild vom 22.08.2026 beschreibt unter anderem das St.-Josef-Krankenhaus in Prüm, ein kleines Haus der regionalen Grundversorgung. Nur rund 5.000 stationäre Patientinnen und Patienten werden dort pro Jahr behandelt. Gleichzeitig müssen Personal, Infrastruktur und medizinische Kompetenz rund um die Uhr verfügbar sein. Genau darin liegt ein grundlegendes Problem.
Perspektive lesen →
Führung
Medizin braucht Führung
Hervorragende Einzelpersonen allein ergeben noch keine hervorragende Organisation. Warum medizinische Qualität Rahmenbedingungen braucht, die Verantwortung ermöglichen.
Perspektive lesen →
Innovation & AI
Innovation beginnt mit dem Problem – nicht mit der Technologie
Digitalisierung und AI schaffen enorme Möglichkeiten. Wirklicher Fortschritt beginnt jedoch nicht mit einer Technologie, sondern mit einem Problem, das es wert ist, gelöst zu werden.
Perspektive lesen →
Im Austausch entstehen neue Perspektiven.
Ins Gespräch kommen →