Gesundheitspolitik
Mehr Gesundheitsdaten sind noch keine bessere Gesundheitsversorgung
Seit Juli 2026 werden Diagnosen auch im niedergelassenen Bereich österreichweit strukturiert erfasst. Das schafft neue Möglichkeiten für die Versorgungsplanung – doch ICD-Codes bilden komplexe Patienten nur begrenzt ab. Entscheidend ist, ob aus mehr Daten bessere Entscheidungen entstehen.
Seit 1. Juli 2026 werden auch im niedergelassenen Bereich Diagnosen österreichweit strukturiert nach ICD-10 gemeldet. Das kann die Versorgungsplanung verbessern. Aber wir sollten nicht verwechseln, was wir damit bekommen: mehr codierte Diagnosen – nicht automatisch ein präzises Bild der Erkrankungen und des tatsächlichen Versorgungsbedarfs.
Österreich diskutiert seit Jahren über Patientenströme, Primärversorgung, volle Spitalsambulanzen und regionale Versorgungslücken.
Jetzt kommt eine neue Datenquelle hinzu.
Nach einer halbjährigen Pilotphase gilt seit 1. Juli 2026 im extramuralen ambulanten Bereich die verpflichtende Diagnosecodierung. Für jeden ambulanten Besuch ist mindestens eine Diagnose zu übermitteln und eine davon als Hauptdiagnose zu kennzeichnen. Weitere für den Kontakt relevante Diagnosen können als Zusatzdiagnosen gemeldet werden. Im spitalsambulanten Bereich gilt eine entsprechende flächendeckende Regel bereits seit Anfang 2025. [1–3]
Das klingt zunächst nach besserer Transparenz.
Doch ein ICD-Code ist kein Patient.
Ein Code zeigt nur einen Ausschnitt
Wer klinisch arbeitet, kennt das Problem.
Ein 78-jähriger Patient kommt wegen zunehmender Atemnot. Gleichzeitig bestehen Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern, Diabetes, Niereninsuffizienz und COPD. Dazu kommen vielleicht eingeschränkte Mobilität, Polypharmazie und eine beginnende kognitive Einschränkung.
Welche Diagnose beschreibt seinen Versorgungsbedarf?
Die Hauptdiagnose kann den aktuellen Anlass sinnvoll abbilden. Aber sie erklärt weder die gesamte Komplexität des Patienten noch automatisch, warum seine Behandlung aufwendig ist.
Zusatzdiagnosen können diese Information verbessern. Doch auch mehrere ICD-Codes bleiben eine Klassifikation – kein vollständiges klinisches Abbild.
Gerade deshalb ist ein Detail der neuen Regelung wichtig: Es muss nicht ausschließlich eine Diagnose übermittelt werden. Vorgeschrieben ist mindestens eine Hauptdiagnose; weitere für den Kontakt relevante Gründe sollen als Zusatzdiagnosen erfasst werden. [2]
Das verbessert die Aussagekraft.
Es beseitigt die Grenzen des Systems aber nicht.
Präzise Statistik kann unpräzise Medizin abbilden
ICD-Daten erzeugen Zahlen, Tabellen und regionale Vergleiche. Das vermittelt schnell den Eindruck großer Genauigkeit.
Hier ist Vorsicht angebracht.
Zwei Ärzte können vergleichbare klinische Situationen unterschiedlich codieren. Ein Symptom kann heute im Vordergrund stehen und erst später einer gesicherten Erkrankung zugeordnet werden. Multimorbidität lässt sich nur begrenzt auf einzelne Codes reduzieren. Und die Frage, welche Diagnosen für einen konkreten Kontakt tatsächlich relevant waren, bleibt eine klinische Entscheidung.
Das Gesundheitsministerium weist selbst bei der medizinischen Dokumentation der Krankenhäuser ausdrücklich darauf hin, dass Diagnose- und Leistungsdaten nicht ausschließlich für epidemiologische Zwecke erhoben werden und ihre epidemiologische Aussagekraft begrenzt ist. [4]
Diese Vorsicht sollten wir auch bei den neuen ambulanten Daten walten lassen.
Was administrativ exakt codiert ist, muss die klinische Realität noch lange nicht exakt beschreiben.
Codieren kostet Zeit – im Spital wie in der Ordination
Auch der Aufwand gehört in die Debatte.
Krankenhäuser kennen Diagnose- und Leistungscodierung seit Langem. Ärztliche Dokumentation, ICD-Codierung, Leistungszuordnung und LKF sind Teil des klinischen Alltags – und binden dort erhebliche personelle Ressourcen.
Neu ist daher nicht der Dokumentationsaufwand an sich.
Neu ist, dass eine systematische Diagnosedatenmeldung nun flächendeckend auch den niedergelassenen Bereich erreicht.
Dort trifft sie häufig auf kleinere organisatorische Einheiten: Einzelordinationen, Gruppenpraxen oder kleine Teams ohne eigene Dokumentations- oder Codierabteilung.
Ein einzelner zusätzlicher Schritt dauert vielleicht nicht lange. Multipliziert mit vielen Patientenkontakten entsteht daraus trotzdem relevante Arbeitszeit.
Das Ministerium stellt deshalb ein e-Health-Codierservice zur Verfügung, das über SNOMED CT bei der Zuordnung von Freitext zu ICD-10 unterstützen soll. Seine Nutzung ist freiwillig. [1,2]
Das ist sinnvoll.
Der Maßstab muss aber höher liegen:
Digitalisierung sollte Dokumentation aus klinischen Daten ableiten – nicht Ärzte zu zusätzlichen Datenerfassern machen.
Interessant wird nicht die Diagnose, sondern der Versorgungsweg
Trotz dieser Grenzen können die neuen Daten wertvoll werden.
Nicht, weil wir nun vermeintlich genau wissen, woran Österreich erkrankt ist.
Sondern weil wir Versorgung besser vergleichen können.
Wo werden bestimmte Erkrankungsgruppen überwiegend niedergelassen betreut? Wo finden auffällig viele Kontakte im Krankenhaus statt? Welche Regionen unterscheiden sich trotz ähnlicher Bevölkerungsstruktur? Und fehlen dort tatsächlich ambulante Alternativen?
Für Oberösterreich wäre genau diese Perspektive interessant.
Nicht nur fragen: Wie viele Planstellen, Ambulanzen oder Krankenhausleistungen gibt es in einer Region?
Sondern: Welche Patienten mit welchen Problemen werden wo versorgt – und welche Alternative wäre medizinisch sinnvoll und tatsächlich verfügbar?
Dabei müssen Diagnosen mit Leistungen, Alter, Morbidität, Versorgungsorten und regionalem Angebot zusammen betrachtet werden.
Der ICD-Code allein erklärt keinen Patientenstrom.
Österreich braucht diese Daten – aber keine Datengläubigkeit
Dass bessere Versorgungsdaten notwendig sind, steht außer Frage.
Die OECD beschreibt Österreich weiterhin als stark krankenhausorientiertes Gesundheitssystem. 2025 gab es zwar bereits 107 Primärversorgungseinheiten, über diese konnten nach OECD-Angaben aber erst rund zehn Prozent der Bevölkerung Primärversorgung erhalten. Die OECD empfiehlt deshalb ausdrücklich eine weitere Stärkung der Primärversorgung und eine geringere Abhängigkeit von Krankenhäusern. [5]
Wer Versorgung verändern will, muss wissen, was heute tatsächlich passiert.
Aber genau hier beginnt die eigentliche Arbeit erst.
Aus meiner Sicht braucht es drei Konsequenzen:
Erstens: Datenqualität vor Steuerung.
Die ersten Jahre müssen zeigen, wie vollständig und vergleichbar tatsächlich codiert wird. Auffällige Zahlen sind zunächst ein Anlass für Fragen – nicht automatisch ein Beweis für Über-, Unter- oder Fehlversorgung.
Zweitens: Daten verbinden statt Codes zählen.
Diagnosen werden erst interessant, wenn sie mit Leistungen, Patientenwegen und regionaler Verfügbarkeit zusammengedacht werden.
Drittens: Dokumentation muss einen Nutzen zurückgeben.
Wer im Krankenhaus oder in einer Ordination Zeit für strukturierte Daten aufwendet, sollte davon letztlich auch profitieren: durch bessere Planung, weniger Doppelarbeit und bessere Information für klinische Entscheidungen.
Sonst digitalisieren wir Bürokratie.
Entscheidend ist, was wir daraus machen
Die neue ambulante Diagnosedokumentation kann ein wichtiger Schritt sein.
Aber sie ist kein digitales Abbild der österreichischen Bevölkerung.
Mehr Gesundheitsdaten sind noch keine bessere Gesundheitsversorgung.
Der Wert dieser Daten entsteht erst, wenn wir ihre Grenzen kennen, sie sinnvoll miteinander verbinden und daraus bessere Entscheidungen über Versorgung ableiten.
Nicht der ICD-Code ist die Leistung.
Verfügbarkeit ist die Leistung.
Und die entscheidende Frage bleibt: Hilft uns das neue Wissen dabei, Versorgung dort verfügbar zu machen, wo Patienten sie tatsächlich brauchen?
Prim. Dr. Kostja Steiner, MBA
Ärztlicher Direktor · Primararzt · Notarzt · Speaker · Autor
Ich schreibe über medizinische Führung, klinisch sinnvolle Innovation und die Zukunft einer verlässlichen Gesundheitsversorgung.
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